Ich fühle,
also handle ich – Ohne Emotionen kein Überleben
Was sind Emotionen? Stehen sie dem Verstand und rationalen Entscheidungen wirklich im Weg? Und ist es möglich, ohne Emotionen zu überleben?
Gefühle und Emotionen
Im allgemeinen Sprachgebrauch wird der Begriff Gefühl oft als Synonym für Emotion verwendet. Genau genommen ist ein Gefühl aber lediglich ein Teil einer Emotion. Es beschreibt durch Begriffe wie Freude, Trauer oder Wut den inneren Zustand eines Menschen und findet nur auf psychischer Ebene statt. Von außen sind Gefühle somit nicht zu erkennen und objektiv schwer zu messen.

Neben dem subjektiven Gefühl beschreibt eine Emotion auch die dadurch entstehenden körperlichen Prozesse und Verhaltensweisen. Das bedeutet, dass Emotionen beispielsweise durch Muskelspannung oder Atemfrequenz gemessen und durch Mimik oder Gestik, etwa durch Lachen, von anderen wahrgenommen werden können.

Der Begriff Emotion stammt vom lateinischen emovere, was "herausbewegen oder erschüttern" bedeutet und eine innere Bewegung des Gemüts beschreibt, durch die der Ruhezustand verlassen wird.

Emotionen beschreiben das innere Erleben, sowie die zugehörigen körperlichen Prozesse und Verhaltensweisen.
Handeln dank Emotionen
Das Verhalten eines Menschen ist maßgeblich von seinen Emotionen bestimmt. Das Gehirn nimmt Reize über die Sinne wahr, vergleicht sie mit bisherigen Erfahrungen und den dazugehörigen Emotionen und bewertet sie dementsprechend als schädlich oder nützlich.

Als Reaktion darauf werden Botenstoffe ausgeschüttet, die den körperlichen Zustand verändern, etwa indem sie den Herzschlag erhöhen. Die Emotion wird somit körperlich wahrgenommen und erlebt, was zur Handlung motiviert.

Handlungen haben entweder die Absicht, positive Emotionen aufrecht zu erhalten, beziehungsweise zu vergrößern, oder negative Emotionen zu verringern. Motivation zum Handeln existiert also vor allem dann, wenn eine Verbesserung des Zustandes erwartet werden kann.

Gefühle wie Wut oder Angst erfüllen eine wichtige Funktion, da sie motivieren, Situationen zu verändern.
Ohne Emotionen keine Entscheidung
Welch große Rolle Emotionen auf Entscheidungen und somit auf Handlungen haben, wurde durch die Forschungen des Neurowissenschaftlers Antònio R. Damásio Anfang 1990 bekannt. Er untersuchte Menschen mit Hirnschäden, die etwa durch Unfälle oder Operationen entstanden sind.

Seine Forschungsergebnisse waren bahnbrechend: Die Wahrnehmung, Sprache, Bewegung, Denkfähigkeit, Intelligenz und das Gedächtnis dieser Menschen waren unverändert, doch das emotionale Erleben und dadurch auch die Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen, waren gestört.

Ein normales Leben war für diese Menschen nicht mehr möglich. Ein zuvor stets freundlicher und besonnener Patient wurde respektlos und launisch. Entscheidungen, die er traf, waren vollkommen irrational und seine Zukunft planen konnte er nicht mehr.

Ein anderer Patient zeigte keinerlei Emotionen, für ihn fühlte sich alles gleich an. Stand er vor einer Entscheidung, mochte sie auch noch so klein sein, konnte er sie entweder erst nach langem Zögern oder überhaupt nicht treffen. So hielt ihm die Auswahl zwischen mehreren Stiften vom Schreiben ab, die Wahl eines Autoradiosenders führte dazu, dass er stundenlang im Auto saß.

Ohne seine Emotionen war ihm auch die nötige emotionsbasierte Orientierung im Entscheidungsprozess abhanden gekommen.
Bauchgefühl - das emotionale Gedächtnis
Laut Damásio werden alle Erfahrungen, die ein Mensch macht - bereits beginnend im Mutterleib - in einem emotionalen Gedächtnis gespeichert, umgangsprachlich bekannt als Bauchgefühl.

Jede Erinnerung wird anhand von sogenannten somatischen Markern positiv oder negativ belegt. Bedarf es einer Entscheidung, werden unbewusst innerhalb von etwa 200 Millisekunden alle relevanten emotionalen Erfahrungen abgerufen, verglichen und ausgewertet.

Zusammen mit Antoine Bechara entwickelte Damásio die "Iowa Gambling Task". Dieser psychologische Test bestätigt, dass Menschen, die durch Hirnschäden Defiziten im Bereich der Emotionen und Entscheidungen aufweisen, trotz normaler Intelligenz deutlich schlechtere Entscheidungen treffen.

Sobald eine riskante Entscheidung in Betracht gezogen wurde, reagierte der Körper der gesunden Probanden messbar, indem die Hände feucht wurden. Diese unbewusste und emotionale Reaktion wurde von den gesunden Menschen automatisch berücksichtigt, was zu besseren Entscheidungen führte.

Die Erkrankten aber zeigten eine solche körperliche Reaktion nicht und selbst als ihnen bewusst wurde, welche Entscheidungen unvorteilhaft sein würden, entschieden sie sich deutlich häufiger zu ihrem Nachteil.

Gute Entscheidungen basieren oft auf dem Bauchgefühl und können nicht allein durch den Verstand getroffen werden.
Warum Emotionen überlebensnotwendig sind
Emotionen sind das Ergebnis von Millionen Jahren Evolution, die den Menschen in jeder Situation zu den bestmöglichen Reaktionsmustern veranlassen, um das Überleben zu sichern.

In der Vergangenheit wurden Emotionen nicht nur fälschlicherweise klar vom Verstand getrennt, sondern auch oft als Feind der Rationalität betrachtet. Emotionen und Verstand liegen jedoch nah beieinander, im Gehirn ebenso wie im Leben.

Da der Verstand im Gegensatz zu Emotionen in der Lage ist, auch langfristige Konsequenzen zu berücksichtigen, entstehen bestmögliche Entscheidungen vorallem aus einer gesunden Mischung aus Bauchgefühl und bewusstem Wissen.

Fällt es einem schwer, gute Entscheidungen zu treffen, ist es hilfreich, sich regelmäßig zu reflektieren. Dadurch hat man die Möglichkeit, sich über seinen Entscheidungsprozess bewusst zu werden und ihn bei Bedarf zu optimieren.

Emotionen sind das Fundament der Vernunft. Ohne sie fehlt die Motivation, zu handeln und die Fähigkeit, rationale Entscheidungen zu treffen. Sie sind also essentiell für das Überleben.
Quellen
[Das Gehirn - Emotionen](https://www.dasgehirn.info/denken/emotion/bewusste-gefuehle) [Dorsch - Emotionen](https://dorsch.hogrefe.com/stichwort/emotionen)