Nachdem der Fluss der Quelle entspringt, ist er noch wild und ungehalten. Obwohl die Menge seines Wassers kurz nach der Quelle oft geringer ist, fließt das Wasser durch das abfällige Gelände schneller, als im späteren Verlauf. Wie im Rausch beginnt er, sich seinen Weg zu bahnen, seine Umgebung zu formen und ebenso von ihr geformt zu werden, sich an sie anzupassen.
Irgendwann vielleicht wird er gleichmäßiger, als hätte er sich an das Fließen gewöhnt.
Doch auch wenn sein Fließen von außen betrachtet gleichmäßig erscheint, ist es das niemals vollkommen. Nahe der Oberfläche und in seiner Mitte fließt das Wasser deutlich schneller, als am Grund und seinen Rändern, da dort die Begebenheiten der Natur in Form von Steinen, Pflanzen und dem Ufer bremsen, was sonst nur allzu schnell fließen mag.
Nachdem der Fluss seinen Weg gegangen ist, endet er - im Meer, wo alle Flüsse enden.
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Mit dem Menschen verhält es sich ähnlich. Nachdem er seiner Mutter entsprungen ist, ist er zunächst noch ungehalten - ist doch plötzlich alles anders, als zuvor. Doch nach und nach gewöhnt er sich an seine neue Umgebung, die sich Leben nennt. Sein Inhalt wird mehr, füllt sich, mit Gefühlen, Gedanken, Erinnerungen.
Auch der Mensch wird ruhiger, gewöhnt sich an das Leben.
Irgendwann wird ihm bewusst, dass er auch in seiner Tiefe, wo sich Prägung und sein Grund befinden, langsamer fließt. Es dauert, dort etwas zu ändern. Auch muss er dafür tauchen. Doch all das lernt der Mensch, wenn er nur möchte. So bahnt sich der Mensch also - zunächst noch wie im Rausch - seinen Weg, Hindernisse werden umflossen, sein Weg geebnet.
Er lebt und irgendwann endet auch der Mensch, wo alle Menschen enden.
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Vielleicht ist es dem Fluss egal, wo er mal münden wird, ist er doch mit dem Fließen beschäftigt.
Welchen Grund gäbe es für ihn, etwas anders zu machen?
Und welchen habe ich, den Lauf der Dinge nicht zu aktzeptieren?